Published On: Wed, Jan 26th, 2011

2faces

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Dies wird einmal ein Roman. Soll es werden. Lest den jeweils aktuellen Stand hier…

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Es war einer dieser unsäglich beschissenen Morgen, an denen ein normaler Mensch niemals sein Bett verlassen würde, wäre es ihm doch vollkommen klar gewesen, dass an solchen Tagen einfach alles schief gehen musste. Das Schicksal hatte seine eigenen Regeln und es konnte Zeichen senden. Manche etwas subtiler und versteckt, wie zum Beispiel eine Note, die nicht in die Partitur passen konnte und verhinderte dass man beim Grübeln darüber den Zug verpasste, der an diesem Tag durch einen Fehler der Gleisarbeiter von seiner Strecke abkam und mit 251 Erwachsenen und 37 Kindern schnurstracks in eine Reisegruppe von Pilgern raste, woraufhin das gesamte Areal für 2 Tage gesperrt wurde, um die Einzelteile der meisten Mitfahrenden von den restlichen Trümmern zu trennen und zu identifizieren. Manchmal aber waren die Zeichen ziemlich eindeutig und konnten einfach nicht falsch verstanden oder missgedeutet werden. Wie zum Beispiel heute.

Der Regen trommelte unablässig gegen die Fensterscheibe des Zimmers. Dabei lief ein großer Teil des Dreckwassers durch die undichten Stellen der notdürftig geflickten Scheiben die Wand entlang direkt auf den Fußboden, was zusammen mit den Überresten der Zigaretten und Alkoholika des letzten Tages einen ziemlich unangenehmen Geruch im Zimmer verbreitete. Hier und da Erbrochenes tat sein übriges, damit einem allein durch die aufkommende Übelkeit der Drang nach Aufstehen vergehen musste. Das schale Licht der einzigen Lampe (eigentlich war sie ja kaum noch als solche zu bezeichnen, bestand sie ja aus nicht viel mehr als die Andeutung eines Schirms und einer ständig in unregelmäßigen Abständen flackernden Glühbirne) tauchte den Raum in ein gelblich fahles Licht, das die ganze Szenerie noch unwirklicher erscheinen lies. Die Neonreklame auf der anderen Straßenseite hätte schon seit Monaten ausgewechselt sollen, doch stattdessen fehlten immer noch mehr als die Hälfte der Buchstaben, so dass die Worte „Filmtheater” inzwischen kaum noch ein „…..heater” bildeten, was bei der aktuellen Außentemperatur von gefühlten 10 Minusgraden auch keinen großartigen Trost spendete, auch wenn die Röhren, in sattem Rot gehalten, den Raum eigenartige farbliche Höhepunkte bescherten. Allerdings wirkte sich das ständige Staccato von Lampe und Reklame nicht besonders hilfreich auf die rasenden Kopfschmerzen der Kreatur aus, die sich wimmernd in ihrem Bett hin- und her wälzte. Scheinbar hatte das Schicksal heute einen besonders witzigen Tag, denn als weiteres Zeichen dröhnte mit einem Schlag das Rattern der städtischen U-Bahn wie ein Presslufthammer direkt in das Nervenzentrum des geschundenen Gehirns einer gewissen Person.

Ein leichtes Stöhnen war von der Ecke zu vernehmen, an der das Bett stand. So nannte er es zumindest immer, auch wenn es mit dem was man gemeinhin darunter verstehen würde nicht mehr wirklich viel zu tun hatte. Es war schon eher eine Matratze, die ihre besten Jahre bereits lange hinter sich gelassen hatte und bei den meisten Menschen nicht mal mehr als Müll bezeichnet werden würde. Die alle paar Zentimeter herausragenden Federn waren mit Klebeband überzogen, so dass man sich nicht allzu sehr daran verletzen konnte oder können sollte, was jedoch durchaus häufiger als gehofft der Fall war. Die eigentlich Farbe war irgendwann wohl mal so eine Art grün oder braun gewesen, je nachdem welche Patina sich mehr im Laufe der Zeit durchgesetzt hatte. Kandidaten waren neben den üblichen menschlichen Exkrementen, die Pilzkolonie am Fußende neben der Wand, sowie die rostbraune Soße, die sich über dem Bett in stoischer Gleichmäßigkeit zunächst langsam einen Weg über die Zimmerdecke suchte, ab und zu in kleinere Rinnsale aufteilte, um sich am Ende, wieder vereint, in einem selbstmörderischen Anfall von der zugegebenermaßen nicht gerade übermäßig luftigen Höhe auf die Matratze zu stürzen. Weniger Sorgen musste man sich um die Überreste von ehemals scheinbar Essbarem zu machen, denn ein ständiges Gewusel um die Füße des Zimmerbewohners stellte ziemlich schnell klar, dass hier Lebensmittel in kürzester Zeit von allerlei Geschöpfen weiterverarbeitet wurden, ohne dass die Gefahr bestand, dass diese Speisen einem weiteren Recycle-Vorgang (so nannte er seine Mahlzeiten komischerweise gerne) zugeführt werden würden. Manchmal ließen sie sich erst von den Fladen und Flecken unterscheiden, wenn sie anfingen, sich zu bewegen, was mit unwirschen Wischbewegungen der Füße des Mannes auf dem Bett quittiert wurde.

Das Zirpen einer Fliege, die sich im elektrischen Fliegenfänger verirrt hatte, der Heizspirale zu nahe kam und das ganze Gerät dadurch zum Überladen und explodieren brachte, übertönte die letzten Nachbeben des in der Ferne des grauenden Morgens verschwindenden Bahn, die sich andernorts neue Opfer für ihr ewig grausames Lied suchte. Als das Telefon nicht aufhörte zu klingeln, kam zusätzliche Bewegung in die Gestalt, die sich bis auf einige wenige freie Stellen unter der Bettdecke verkrochen hatte. „Verdammt!” Mit einem eher schlecht gezielten Wurf in Richtung Störquelle verpasste er die Chance, diesen Tag doch noch retten zu können. Die Bierflasche knallte stattdessen gegen die Fensterscheibe, die daraufhin endgültig nachgab und den Regen in seiner vollen Stärke in das Zimmer herein lies. Die kalte Dusche, die sich daraufhin überallhin ergoss, ließ ihn sich mit einem Ruck aufrichten, was er im gleichen Moment aus vollstem Herzen bereute. Zum einen, weil ihm die Dämonen des Vortags, die bis dahin ebenfalls noch geschlafen hatten, mit einem Vorschlaghammer zu erkennen gaben, dass er auf gar keinen Fall schon bereit dazu wäre, zum anderen, weil er mit der vollen Wucht der Aufwärtsbewegung gegen die Bretter seines Schrankes knallte, den er gestern in einem Anfall ungeduldiger Wut mit der Feueraxt in seine Einzelteile zerlegt hatte.

Das Telefon lies sich dadurch jedoch nicht aus seiner Absicht bringen, ihn solange zu nerven, bis er endlich den Hörer abheben würde. Er dachte einen Augenblick darüber nach, die ganze Bude abzufackeln, verschob das aber auf einen späteren Moment, da er dringend einige „Medikamente” benötigte, die sich noch irgendwo im Zimmer verstecken mussten. Fast automatisch schüttete er sich aus der Flasche Billigfusel neben seiner Matratze eines der unzähligen Gläser voll, vergoss dabei einen Großteil der gelblichen Flüssigkeit und fluchte lautstark. Den Rest kippte er in einem Zug hinunter, woraufhin in seinem Kopf die neuen Dämonen offensichtlich einen Kampf um die besten Plätze mit den alten Schreihälsen aufnahmen. Da die Stimmen nach einigen Sekunden nachließen, vermutete er dass sie das Territorium in Besitz genommen hatten und atmete tief durch. Das half immer. Fusel und durchatmen. Jedoch nicht gegen das Geklingel, dass ihn inzwischen gar nicht mehr so sehr stört. Mit einem Seufzer richtete er sich diesmal etwas vorsichtiger von neuem auf und griff nach dem Hörer.

„Hm?” war das einzige, was er im Moment von sich geben konnte. „Phil? Phil, bist du das?” war auf der anderen Seite eine Stimme zu vernehmen, die der Stimmlage nach zu urteilen von einem weiblichen Wesen zu kommen schien. „Phil, wenn du das bist, du musst mir unbedingt zuhören! Ich habe furchtbar Angst, Phil! Sie haben mir gesagt, dass sie mich holen würden, wenn ich Ihnen nicht alles sagen würden!” Die Stimme begann nun zu schluchzen, was Phil etwas verwirrte. Irgendwoher kannte er ihren Klang, doch konnte er diesen gerade nicht wirklich zuordnen. „Was?” stammelte in den Hörer. „Phil, hör doch zu! Sie haben mich dazu gezwungen” Das Wimmern wechselte in ein weinerliches, fast hysterisches Geschrei.

„Ich wollte das alles nicht, bitte glaub mir, Phil! Es ging alles so schnell und sie bedrohten mich doch!” „Hä? Was ist los?” bekam Phil inzwischen fast ohne Stottern heraus. Die Dämonen schienen aufmerksam zu lauschen.

„Phil! Sie wissen wo du wohnst!” Irgendwo in seinem Kopf klingelte eine Alarmsirene, jemand kicherte. „Wa…” Bevor er den Satz zu Ende sprechen konnte explodierte die Tür mit einem so lauten Knall, dass seine Sinne sofort betäubt und er zu Boden geschleudert wurde. Wie im Traum sah er einige Männer in schwarzen Nadelstreifenanzügen auf sich zu kommen. Einer von ihnen, mit tiefen Furchen im Gesicht, braun wie ein Schweinebraten, beugte zu ihm herunter, ganz nah an sein Gesicht. Er roch aus dem Mund wie Phil aus dem Hintern. Als er zu ihm sprach, klang es hohl, wie aus einem weit entfernten Tunnel und dumpf, wie durch eine Wand aus Watte. „Haben wir dich, Arschgesicht!” Die Dämonen knipsten das Licht aus und Phil fiel dankbar in Ohnmacht.

2b continued…

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